ARTISTS EXHIBITIONS NEWS BOOKS CONTACT

FUZZY CHIMERA
Alfredo Barsuglia | Vincent Kern


Opening reception for the artists: March 12, 2026, 6 pm 

Exhibition: March 13 - May 2, 2026




Please scroll down for the English version

 

« Le monde est ce que nous percevons. » 
Maurice Merleau-Ponty 

Formen, Oberflächen und Strukturen ordnen sich scheinbar mühelos ein. Erst im nächsten Moment zeigt sich, dass diese Ordnung brüchig ist. Fuzzy Chimera zeigt neue Arbeiten von Alfredo Barsuglia und Vincent Kern. Ausgangspunkt ist das Gesehene, in dem Vertrautheit und Täuschung zusammenfallen. 

Alfredo Barsuglias neue Skulpturen wirken aus der Distanz wie formlose Klumpen. Die Objekte erscheinen metallisch, schwer und fremd, beinahe extraterrestrisch. Bei näherem Hinsehen erweisen sich die Formen als Brotlaibe. Assoziationen von Einfachheit, Demut und Grundversorgung stellen sich ein. Brot wird als grundlegende Voraussetzung des Lebens lesbar. 
Die ausgestellten Brotlaibe sind kein Abgüsse in Aluminium, es sind echte Brote, die getrocknet und lackiert wurden, es sind Unikate. Die Wahrnehmung greift vor und fixiert ein Material, das sich im Sehen als Projektion erweist. Nicht das Objekt täuscht, sondern das Bild im Kopf. 
Mit diesem Moment der Enttäuschung löst sich jede Form von Sozialromantik auf. Das Brot ist weder Monument noch Geste der Bescheidenheit, sondern verfremdet, seiner Funktion als Nahrung enthoben und der Logik des Konsums entzogen. Als Objekt verschiebt sich seine Bedeutung vom Gebrauch zur Zuschreibung. Sichtbar wird nicht der Abguss eines Multiples, sondern eine Erscheinung, die im Vollzug der Wahrnehmung entsteht. Und erst am Ende wird das Material konkret: Handgeknetetes Roggenbrot, ein Stoff mit langer kultureller Geschichte, der in Barsuglias Arbeiten semantisch wie ontologisch radikal verschoben wird. 

Vincent Kerns neue Arbeiten entfalten einen malerischen Bildraum aus leuchtenden, pastelligen Farben und tiefschwarzen Schlieren. Die Tusche bildet kraftvolle Strukturen, die sich wie Bahnen oder Systeme über die Bildfläche legen. Figürlichkeit scheint auf und entzieht sich zugleich. Körper erscheinen fragmentarisch, Formen bleiben ohne eindeutige Zuordnung. 
Die Bilder bewegen sich zwischen Zartheit und Kraft. Poetisch helle Farbflächen stehen neben energischen, beinahe technoiden Setzungen. Die Strukturen erinnern an Maschinen, Rohre oder technische Umläufe, zugleich aber auch an digitale Bildlogiken und visuelle Spuren künstlicher Intelligenz. Malerei wird hier zum Ort einer Schwebe zwischen Menschlichem und Technischem, zwischen Geste und System. 
Technik erscheint nicht als Motiv, sondern als ordnendes Prinzip des Bildes. Die Arbeiten folgen keiner stabilen Logik und kommen nicht zur Ruhe. Überlagerungen, Übermalungen und Korrekturen bleiben sichtbar. Abstraktion ist angestrebt, wird jedoch nie vollständig eingelöst. Das Figürliche kehrt als Rest zurück und hält den Bildraum offen. Verfahren und Bildidee bleiben sichtbar verschränkt. In dieser kontrollierten Anlage öffnet sich ein Raum für das Metaphysische. Kerns Bilder suchen nicht nach Darstellung, sondern nach Annäherung an das, was sich vollständiger Lesbarkeit entzieht. Das Kosmische fungiert dabei weniger als Motiv denn als Denkfigur für Distanz, Unendlichkeit und das Unverfügbare. 

Darüber hinaus öffnet sich in beiden Positionen ein Bezug zum Weltraum. Bei Kern wird dieser explizit, etwa in Titeln wie Jupiterbahn, die auf Umlauf, Distanz und Ordnungssysteme verweisen, ohne sie festzuschreiben. Bei Barsuglia bleibt das Kosmische implizit. Die Skulpturen wirken auch aufgrund ihrer metallischen Oberfläche fremd, als kämen sie aus einem anderen Zusammenhang, losgelöst von Herkunft und Funktion. Der Weltraum erscheint hier nicht als Ort, sondern als Denkfigur für Entzug, Maßstabslosigkeit und eine Wahrnehmung jenseits des Alltäglichen. 
In den Arbeiten beider Künstler wird Wahrnehmung nicht als Mittel verstanden, um die Welt abzubilden, sondern als Ort, an dem sie überhaupt erst erscheint. Das Sichtbare verweist dabei immer auf etwas, dessen Bedeutung sich entzieht. Wahrnehmung selbst wird zum Gegenstand, nicht um Gewissheit zu erzeugen, sondern um jene Dimension sichtbar zu machen, in der das Erscheinende mehr ist als das, was gezeigt wird.  Die Chimäre bleibt unscharf, nicht aus Mangel, sondern als Haltung.