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Cyte: Erzähl mir etwas zu deinen Arbeiten unter dem Titel „Versuchsreihe“? 
Vincent: In erster Linie ist diese ganze Serie das Produkt einer neuen, mir ungewohnten Arbeitsweise. Es geht darum, meine vertraute Struktur zu verlassen, in der ich funktioniere. Es geht darum, die Kontrolle über das zu verlieren, was ich mache. Ich habe eine sehr nüchterne Form gesucht. Ich habe das starke Bedürfnis verspürt, eine gewisse Archaik im Bild zu verlassen. Ich wollte die erdigen Farbtöne abschwächen. Ich wollte das Sujet verändern. Dabei hat es mir geholfen – entgegen meiner Gewohnheit – ein Rahmenkonstrukt zu erfinden, das es mir erlaubt, eine Distanz zu meinen „klassischen“ Themen halten zu können. Gleichzeitig bringt es mich in atmosphärisch andere Gefilde, mit denen ich wenig bis gar nichts zu tun habe. Ich füge eine mir bisher fremde wissenschaftliche Ebene ein. So ergibt sich ein ungewisser Zustand, der es mir erlaubt, erst mal zu spielen. Das war als Prozess schnell sehr fruchtbar, und es kommen Bilder heraus, die mich interessieren. 

Cyte: Das bedeutet, es gab erst das Thema und daraus entstanden die Bildideen? 
Vincent: Nein. Bilder und Titel haben für mich in ihrer Entstehung eine Gleichzeitigkeit. Da ist kein Plan. Es geht darum, einen Fundus aufzubauen und aus diesem zu schöpfen.

Cyte: Wie ist dein Bezug zur Wissenschaft? 
Vincent: Er ist zwiegespalten. Zunächst habe ich zu Forschung und Wissenschaft im klassischen Sinne überhaupt keinen Zugang. Ich bin weder der Typ, der empirisch agiert, noch habe ich einen entsprechenden akademischen Hintergrund. Der Themenkomplex ist mir in den vergangenen Jahren auf unterschiedlichen Kanälen begegnet. Ich fing an, einen Fundus aufzubauen, und je größer der wird, je mehr Assoziationen ich zu Themen wie Quantenphysik oder Astronomie herstellen kann, je klarer ich die Grenze zur Metaphysik und zur Philosophie erkenne, desto mehr entwickelt sich daraus ein Stoff, der für meine Arbeit „behandelbar“ wird.  Kurzum: Ich kann eine imaginäre Bühne für meine Bilder herstellen.

Cyte: Heißt das im Umkehrschluss, dass du bisher aus dem Bauch heraus und emotional an die Arbeiten rangegangen bist? 
Vincent: Genau! Nicht, dass ich das nicht immer noch täte. Der Unterschied ist nur, dass sich meine Einstellung verändert hat. Bisher behandelte ich das Intuitive als eine Mystik des Impulses, den ich nicht antasten wollte, sondern ihn als eine rein natürliche, aus dem Affekt geborene Energie begriff. Jetzt geht es darum, dieses Gefühl, diesen Impuls wahrhaftig und ernst zu nehmen. Ihn in einen Kontext zu anderen Phänomenen zu setzen, die auf eine merkwürdige Art und Weise mit dem Ganzen zu tun haben, ohne dass sie dieses Element des Überschusses oder dieses absolut rein Intuitiven bräuchten. Es führt dazu, dass ich mich einem ähnlichen Thema von einer anderen Seite nähern kann, die ich (noch) nicht im Griff habe. Vieles kann und muss sich also in einem primär atmosphärischen Raum abspielen.

Cyte: Diese beiden Herangehensweisen vergleichend, bevorzugst du die eine oder die andere? Oder behandelst du sie gleichwertig und ergänzend? Bildlich gesprochen: Ist es wie eine zusätzliche Farbe in deinem Farbkasten, die du zukünftig benutzen wirst? 
Vincent: So würde ich das formulieren, ja. Ich sehe keinen Grund, mich für irgendetwas zu entscheiden. Es gibt Phasen, sie lösen etwas aus oder sprechen einen anderen Bereich in mir an. So kann man variieren, um die Lust am Arbeiten zu halten. Derzeit ist es die Auseinandersetzung mit der Wissenschaft. Aber die Wissenschaft ist primär ein Vehikel.

Cyte: Bezugnehmend auf deine Arbeiten, die wir hier im Heft zeigen: Beim ersten Betrachten hilft die Information, dass es den wissenschaftlichen Ansatz gibt. Der dazugehörige Text macht es dem Betrachter leichter, in deine Arbeit einzusteigen. Ist Text immer auch Bestandteil? Mir hat das den Zugang erleichtert. Die Collagen haben etwas Formelhaftes, das vermittelt mir die Darstellung von Sonne, Mond und Sternen, Jupiter etc. Was war der Auslöser für diese Reihe? 
Vincent: Eine Vorlesung über das Sonnensystem, über die Größe von Himmelskörpern und die Atmosphärenforschung. Der Fokus lag auf Jupiter.  Hier gibt es merkwürdige optische Phänomene, von denen man vielleicht schon mal gehört hat, die sich auf riesige Stürme zurückführen lassen – sehr spannend.  Wenn man dann aber genau hinschaut, ist das, was sich da oben abspielt, vollkommen absurd. Diese unterschiedlichen Zustände der Jupiter-Atmosphäre (vgl. Text zur Arbeit; Anm. d. Red.). Die Beschreibungen der Zustände haben sich für mich in einen sehr klaren Raum verwandelt.  Ich wusste irgendwie, habe gespürt, wie das aussieht. Ich habe in meinem Kopf angefangen zu malen. Ich spürte, wie konkret meine Vorstellungskraft an diesem Ort ist.  Das Bild an sich nimmt nicht identisch Bezug auf den Vorgang. Es ist meine Übersetzung, es ist mein Raum, der sich in diesem Moment auftat und mein Malen bestimmte. Das war genug. Das ist für mich glaubhaft.

Cyte: Wissenschaftliche Phänomene als Inspirationsquelle. Da eröffnet sich eine immense Welt. 
Vincent: Absolut. Damit ist es ein wunderbares Sujet, es funktioniert unglaublich undogmatisch. Es hat gar keine Limitierung, man kann spielen. Man tummelt sich in einem Thema, das unglaublich komplex und anregend ist und trotzdem verschlossen bleibt.

Cyte: Verstehe! Ich habe eine Zeit lang beim Fotografieren bewusst, weil ich irgendetwas anders machen wollte, nur Musik gespielt, die mir nicht gefällt. Musik, die ich sonst nicht höre. Ich wollte beobachten, was passiert, wenn ich mich nicht mehr wohlfühle. Würde ich mit den Leuten, die ich fotografiere, anders umgehen? Verändert sich das Ergebnis? Man bringt sich also in einen artfremden Zustand, um sich und seine Arbeit herauszufordern. 
Vincent: Genau so ist es. Dein Beispiel ist das identische Phänomen. Es geht darum, sich dazu zu überwinden, die eigene Komfortzone zu verlassen. Es ist sehr fruchtbar, wenn etwas deinen Widerstand weckt. Die Überwindung des Widerstands führt zu neuen Lösungen und Einfällen, die nicht kämen, wenn es zu glatt läuft und sich zu viel Routine einnistet.

Cyte: Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass es für dich als Künstler wichtig ist, sich in eine andere Stimmung zu versetzen und damit eine neue Herangehensweise anzugehen, vielleicht sogar eine neue Welt zu betreten. 
Vincent: Diese Erfahrung kann man machen. Wenn man Kunst generell betrachtet, ist sie natürlich letztendlich immer ein Kommunikationsmittel und ist im Idealfall immer mit Erkenntnisgewinn verbunden. Ich finde, wenn man Kunst in diesem Sinne ernst nimmt, dann hat man wenig Motivation, irgendetwas zu behaupten, was man sich selbst nicht glaubt, und umso weniger will man jemandem anderen etwas vormachen. Deshalb geht es im Endeffekt um eine gewisse Präzision im Tun, um eine gewisse Atmosphäre zu kommunizieren – und zwar so genau und so nah dran, wie es geht. Aber eben Präzision auf der Ebene von Atmosphäre und nicht beim Verklickern von konkreten Inhalten. Und vielleicht sind die klassischen Medien, die traditionell die Brückenköpfe zur Mystik waren, wie beispielsweise die Kunst oder die Literatur, heutzutage oft gar nicht mehr die Sprache, die ernsthaft über Metaphysik oder Philosophie sprechen kann und vor allem will. Vielleicht ist es ja mittlerweile etwas ganz anderes? Man tummelt sich in einem Bereich, in dem man sich wohlfühlen kann, so tun als ob. Aber die wirkliche Präzision und die Nahe zum Jenseitigen ist mittlerweile mitunter öfter in Bereichen wie der Physik zu finden. Und das gefällt mir gut, weil das natürlich am eigenen Ast sägt. Genau darauf habe ich Lust. Für mich ist dieser ganze Kulturbetrieb der einzige Betrieb, zu dem ich ein Statement abgeben kann, das auf etwas basiert. Hier gibt es so viel Zitatebingo und sich selbst verstärkende Phänomene. Deswegen finde ich das immer schön, wenn man woanders andere Ansätze sieht, die ganz anders funktionieren, die aber offensichtlich auch zu guten Ergebnissen kommen.

Cyte: Das heißt, das Sprechen über Kunst, so wie es formuliert wird, ist im Grunde wenig greifbar und auch wenig zielführend. Aber eine wissenschaftliche Sprache, ein wissenschaftliches Denken ist umso greifbarer, zielführender. Habe ich das richtig verstanden? 
Vincent: Zielführend im Sinne von interessante Ergebnisse liefernd. Das gibt es bei Kunst genauso.

Cyte: Und wenn du die wissenschaftlichen Prinzipien auf die Kunst überträgst, kommt man dem Wesen der Arbeit näher, als dass das bisher der Fall ist? 
Vincent: Ich glaube nicht, dass mein Prozess in irgendeiner Art und Weise mit wissenschaftlicher Arbeit in diesem Sinne zu tun hat. Mein Prozess bedient sich nur einer Idee, die sich aus der Wissenschaft speist, sich dann aber sofort wieder in Atmosphäre und Stimmung verwandelt. Ich habe ja keinen wissenschaftlichen Prozess, nur dieses Sujet und die Atmosphäre, die für mich in dem Zusammenhang einen Raum erzeugt, in dem ich das machen kann, was mich beschäftigt. Ich glaube auch nicht, dass Wissenschaft und Kunst so ohne Weiteres vermischbar sind. Diese Spielereien mit dem Thema Wissenschaft sind voller Fallstricke, wenn man nicht wirklich Ahnung von, sagen wir, Physik hat. Man schwebt permanent in der Gefahr, die gröbsten Fehler zu machen, wenn man auf einer phänomenologischen Ebene Bezüge nimmt, die keiner, der sich wirklich auskennt, auch nur in Betracht ziehen würde. Das ist mir alles klar. Aber mit einem Medium, das in der Kunst eher außen vor ist, das damit sogar oft aktiv nichts zu tun haben darf oder will, zu kokettieren, es als Stichwortgeber zu akzeptieren – das finde ich interessant. Natürlich ohne es zu überstrapazieren. Es ist ein Sujet und eine Idee. Es gibt keine Methode, die in irgendeiner Art und Weise belastbar wäre. Aber es ist ein Trick, das „Wieso“ nicht genau zu kennen und trotzdem gute oder zumindest interessante Sachen passieren zu lassen. Ich fühle mich recht wohl in dieser produktiven Schwebe.

Cyte: Beschreib doch mal die Arbeiten, die du vorher, also ohne wissenschaftlichen Hintergrund oder wissenschaftliche Inspiration gemacht hast. Wie bist du da vorgegangen? 
Vincent: Sie waren meistens von einer Naturromantik geprägt, gepaart mit einem Sehnsuchtsortgefühl. Das bindet sich dann zum Beispiel an Lastwagen, die in meinen Bildern vorkommen. Der Lastwagen als Assoziationsbrücke. Beispiel: Man fährt hier aus München los und ist sofort in den Alpen. Man überquert sie und ist plötzlich in Italien. Es geht um diese Transformierung innerhalb von vier, fünf Stunden. Der Prozess der Transformierung, kombiniert mit so etwas Profanem wie einem Lastwagen, der diese Strecke alle zwei Tage macht – das hat mich sehr fasziniert. Dieses Unterwegssein, das Ankommen an solchen Orten, ganz ohne intellektuellen Überbau. Eine Mischung aus Urlaubserinnerung und Sehnsucht nach der Geschichte, die man für sein Leben hält.

Cyte: Interessieren dich Künstler, die diese Themen behandeln? 
Vincent: Mich interessieren Dinge meist dann, wenn man spürt, dass es ein Universum im Hintergrund gibt, und die Arbeiten fühlen sich nach Artefakten an, die aus dieser Welt „herübergeholt“ worden sind. Allerdings bin ich natürlich wie jeder andere auch dem spontanen Geschmack oder Eindruck ausgeliefert.

Cyte: In der letzten Ausgabe haben wir einen Künstler portraitiert, der sich dem Photorealismus widmet. Malerei perfekt wie ein Photo. Es gibt immer wieder Bilder in seinem Werk, die Straßenkreuzungen, Autobahnabfahrten oder Leitplanken darstellen. Er nimmt nicht die eigentlich schöne Landschaft drumherum in den Fokus, sondern die graue, kalte Leitplanke vor dem imposanten Bergmassiv und so weiter ... 
Vincent: Ich glaube, viele Leute spüren ein starkes Bedürfnis, sich dem Vorwurf des „schönen Bildes“ zu entziehen. Das finde ich nachvollziehbar, denn darum geht es in der Regel nicht.

Cyte: Weil vordergründige Schönheit zu banal ist? 
Vincent: Weil sie einfach das Bild nicht komplett macht. Wenn man Atmosphäre kommunizieren will, dann muss man ins Kalkül ziehen, dass andere Dinge dazugehören als das objektiv Schöne. Wie beispielsweise eine Autobahnausfahrt. Parfümerien arbeiten ganz ähnlich. Ein Parfum ist nicht dann gut, wenn es objektiv „gut" riecht. Parfümeure kombinieren Essenzen, die gar nicht als gute Gerüche beschrieben werden, aber in der Mischung sind sie genau richtig. Zum Beispiel, wenn ich ein Parfum haben wollte, das nach Venedig riecht, dann ist es nicht genug, wenn das nur nach Zitronen und Meer riecht. Es muss auch Diesel drin sein, damit es wirklich gut ist.

Cyte: Wahrscheinlich ist Schönheit in der Malerei auch schon durch die Jahrhunderte bis zum Erbrechen bearbeitet worden, so dass das kaum noch einen Künstler interessiert. 
Vincent: Absolut. Ich würde auch sagen, dadurch dass es schon alles gibt, ist es wahrscheinlich die beste Taktik, nicht zu versuchen, irgendwas Neues zu machen. Es geht eher darum zu verstehen, inwieweit bin ich seriös, fähig, mich zu verorten, in dem was ich schon vorfinde? Es ist ein sehr schöner Moment, wenn man das Vorgefundene sieht und spürt, es wurde damals schon genauso empfunden. Ohne einen textlichen Beweis dafür zu haben aber es einfach zu wissen, sich auf seine Intuition einlassen zu können. Und das reicht. Das ist klassisch mystisch, es gibt Gewissheit ohne weltliche Gewissheit. Es existiert einfach. Und das ist ein Gefühl, das immer auch mit Sehnsucht zu tun hat.