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EVA & ADELE

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DIE KUNST ZU LEBEN

von
Mareike Nieberding

34 Jahre und vierzig Tage lang waren sie Eva & Adele, ein lebendes Kunstwerk. Bis Eva starb. Was wird jetzt aus Adele?

An dem Tag, an dem Eva beerdigt wird, rasiert sich Adele ein letztes Mal den Kopf. So wie sie es die vergangenen 34 Jahre und 40 Tage täglich tat. Danach schlüpft Adele in eines der vielen Kostüme, die in dem sechstürigen weißen Kleiderschrank in ihrer Wohnung in Berlin-Charlottenburg hängen. Das zweite, identische, etwas größere Kostüm – Evas Kostüm – bleibt im Schrank zurück.

Eva starb am 21. Mai 2025. An einem heißen Mittwoch im Juli wird ihre Asche zu Grabe getragen und mit ihr das lebende Kunstwerk, das Eva & Adele seit dem 11. April 1991 waren. Wie bei vielen Paaren endet das, was einst mit einer Hochzeit begann, nun mit einer Beerdigung.

Und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin-Mitte wird es noch nicht viele Beisetzungen gegeben haben, auf denen so viele Gäste Pink, Fuchsia oder Rosa trugen. Als Adele erscheint, ganz in Pink und mit Regenbogenkette, recken einige die Köpfe. Adele allein, das ist ein bisschen wie das Gegenteil von doppelt sehen, oder als würde man in einen Spiegel schauen, aber niemand schaut zurück. Tatsächlich wirkt Adele etwas windschief, so ohne Eva, die in der Öffentlichkeit immer zu ihrer Linken stand, saß oder ging, so regelte es ihre Choreografie.

Adele muss sich heute nicht nur von ihrer großen Liebe verabschieden, sondern auch von dem Kunstwerk, das sie gemeinsam – und nur gemeinsam – waren: Eva & Adele, zwei kahlrasierte Frauen, trans und queer, immer gleich geschminkt, immer in den gleichen maßgeschneiderten Kostümen, in Lack, Pelz, Leder, mit den gleichen Schuhen, Handtaschen, Regenschirmen.

„Wo wir sind, ist Museum“, lautete ihr Motto, und das galt nicht nur zu besonderen Anlässen, an Wochenenden oder auf Ausstellungseröffnungen. Nein, seit mehr als 34 Jahren waren Eva und Adele in ihrem Alltag in der Öffentlichkeit immer Eva & Adele, nie allein, immer zusammen, ein wandelndes Kunstwerk, auch beim Zahnarzt oder am Strand, selbst für ihre Familien und engsten Freundinnen. Keine Nachnamen, keine Geburtsdaten, keine Vergangenheit.

Der Presse stellten sie bis zu diesem Artikel nur ihre Körpermaße zur Verfügung, als wären sie die Maße eines Gemäldes: Eva 176/101/81/96, Adele 161/86/68/96, freiwillig eingeschlossen in dem Rahmen, der für sie Kunst und Leben war. Die Performance hänge an ihren pochenden Herzen, sagte Eva einmal in einem Interview. Die Beisetzung wird zu ihrem letzten Aufführungstag.

Auf dem Friedhof lächelt Adele tapfer ihr Eva-&-Adele-Lächeln – weit geöffnete Augen, das Kinn gereckt. Von diesem Lächeln wird es später in einer der Trauerreden heißen, dass es für das queere Künstlerinnenpaar auch eine Waffe war, selbst in der sich so tolerant gebenden Kunstwelt.

In der Kapelle singt der Chor der Deutschen Oper: Offenbachs Barcarole aus  Hoffmanns Erzählungen, Verdis  Va, pensieroaus  Nabucco, als letzten Gruß Mozarts  Ave Verum Corpus. Fächer rascheln in der Hitze, Taschentücher tupfen erst Tränen und dann Schweiß von der Stirn. Es ist viel von Evas Mut die Rede, davon, wie sehr sie persönlich als trans Frau und sie beide gemeinsam als Werk ihrer Zeit voraus waren.

„Wir kommen aus der Zukunft“ war einer der Sätze, den sie am häufigsten in Interviews sagten. Ihre künstlerische Arbeitsweise bezeichneten sie als „Futuring“, eine Wortneuschöpfung, die man am ehesten mit Zukunft-Machen übersetzen könnte, aber in der jeweiligen Gegenwart. Ihre auffällige Aufmachung, ihr Spiel mit der Uneindeutigkeit – sind sie Mann oder Frau oder irgendwas dazwischen –, das war ihr künstlerischer Gegenentwurf zur strengen binären Logik vorherrschender Geschlechternormen. Und lange schien der Zeitgeist mit ihnen im Gleichschritt zu gehen. 1994 wurde der sogenannte Schwulenparagraf abgeschafft, Homosexualität ist seitdem kein Straftatbestand mehr, was die beiden, die sich 1988 als Mann und Frau begegneten, aber beide als queer identifizierten, als Befreiung empfanden.

2011 erklärte das Bundesverfassungsgericht die Sterilisationsund OP-Pflicht, die bis dahin für Menschen galt, die ihren Geschlechtseintrag ändern lassen wollten, für verfassungswidrig. Eva, die sich auf keinen Fall operieren lassen wollte, aber aus Österreich stammte, ließ sich daraufhin einbürgern. Danach konnte sie ihren Geschlechtseintrag in Deutschland von Mann zu Frau ändern. Womit auch die demütigenden Nachfragen an Flughäfen endeten.

Nachdem Eva nun auch offiziell eine Frau war, konnten Eva und Adele ihre 1991 auf einer Ausstellungseröffnung nur künstlerisch vollzogene Hochzeit als gleichgeschlechtliches Paar im Standesamt feiern.

Die Zukunft schien einige Jahre lang in der Gegenwart angekommen zu sein. Und dann sagte Friedrich Merz am Tag vor Evas Beisetzung zur Entscheidung Julia Klöckners, die Regenbogenflagge während des Christopher Street Days nicht auf dem Bundestag zu hissen: „Der Bundestag sei kein Zirkuszelt.“ Die queere Bewegung, ihre Anliegen, Evas Vermächtnis – vom Bundeskanzler persönlich ins Lächerliche gezogen.

Bei sengender Sommerhitze wird Evas rosafarbene Urne versenkt. Fast Rücken an Rücken mit dem Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der den Tod mal als „die unbegreifliche Nichtigkeit menschlicher Existenz“ beschrieb. Weiter: „Im einen Moment belebte Materie, im nächsten dasselbe, nur ohne Adjektiv.“ Gegen diesen Gedanken stemmt sich Adele mit aller Kraft. Acht Wochen nach der Beisetzung sagt Adele: Eva ist tot, die Performance ist vorbei, aber Eva & Adele lebt.

Die Haare sind zurück. Die Glatze ist Geschichte. Das ist das erste, was ins Auge fällt, als Adele an einem Donnerstag im September 2025 strahlend in ihrem kargen Berliner Hausflur steht. „Ich habe die Glatze wirklich geliebt“ sagt sie. „Aber ich wollte auf keinen Fall optisch wie der zurückgelassene Teil von Eva & Adele dastehen. Ich wollte eine klare Trennung.“ Adele steht nun allein im Leben.

Sie bittet in ihr Atelier, das auch ihre Wohnung ist und andersherum. Leben und Werk sind an diesem Ort aufs Innigste verwoben. Fast 300 Quadratmeter auf drei Altbauetagen, ein Schrein ihres Schaffens. Eva und Adele waren nicht nur ihre Performance, sie haben auch riesige Gemälde gemalt, Zeichnungen, Polaroids, Skulpturen, Ready-Mades und Videoinstallationen gemacht. Drei große Atelierräume voller Maltische, Pinsel und Farbtuben zeugen von diesem weniger bekannten Teil ihres Werkes. Auf vielen dieser Arbeiten sind sie selbst in ihrer klassischen Eva & Adele-Aufmachung zu sehen oder ihr Logo. Sie haben aber auch ihre ausrangierten Kostüme weiterverarbeitet, etwa ihre Pelzstolen, die sie auf die Lehnen von Atelierstühlen drapierten, ganz so, als wären sie beide gleich zurück. Auch ihre insgesamt 194 Kostümpläne sind längst Werke. Sogar ihren Campervan, mit dem sie viele Jahre lang durch Europa gereist sind, haben sie pink lackiert und zu einer »biographischen Skulptur« erklärt. Seit 1997 zeigen sie diese Arbeiten in Museen weltweit. Das hatte wohl auch finanzielle Gründe – sie konnten sich selbst zwar in der Tradition von Marcel Duchamps berühmtem Urinal zur Kunst erklären. Sich für eine Ausstellung verleihen oder sogar verkaufen konnten sie sich nicht.

Neben ihren Werken kleben, stehen und liegen zudem überall Fotos der beiden: Ende der Achtzigerjahre mit Adeles Bruder, sie müssen um die 30 gewesen sein, noch vor dem Beginn der offiziellen Performance, die Köpfe aber schon kahl; mit ihren Pariser Galeristen und dem amerikanischen Künstler Jeff Koons; Eva in schwarzer Spitzenunterwäsche und Strapsen mit einem riesigen weißen Rettich als Phallus.

Schmerzt das nicht, hier überall von Eva und ihrem gemeinsamen Werk umgeben zu sein? »Nein, das Atelier ist wie eine Mutter, es umfasst dich, wärmt dich, hält dich fest und tröstet dich«, sagt Adele. »Das Atelier ist auch ein guter Ort, um allein zu sein. Obwohl ich nicht allein bin, ich stehe ja in einem inneren Dialog mit Eva.« Erst kürzlich, nachdem Adele zum zweiten Mal innerhalb weniger Wochen fast überfahren worden wäre, habe sie zu Eva gesagt: Ab jetzt passe ich besser auf mich auf! »Früher hat die Eva immer auf mich aufgepasst.«

Begegnet sind sich Eva und Adele im Sommer 1988. Auf dem Sportplatz eines kleinen Ortes in Umbrien, auf dem Abschlussfest eines Künstlersymposiums. »Ich habe mich die ganze Zeit aufgeregt über die Männer dort, dieses Machogetue. Damals habe ich gedacht, die Kunstwelt ist nichts für mich.« Dann bat Eva, die damals noch als Mann gelesen wurde, aber schon mit dezentem Make-up, rotem Lippenstift und lackierten Nägeln auftrat, sie um einen Tanz. »Ich habe mich drauf eingelassen, wir haben riskante Schwünge gemacht und stundenlang getanzt«, erzählt Adele. Und wie sie unter Evas weißer Marlene-Hose beim Tanzen ihre Strumpfhalter erfühlen konnte, das sei alles sehr prickelnd gewesen.

Seit dieser Nacht waren Eva und Adele eines dieser Paare, die sich stets selbst genug zu sein scheinen. Und obwohl sie, anders als wohl die meisten Paare, in den vergangenen mehr als 34 Jahren täglich von morgens bis abends zusammen waren und so gut wie nie getrennt das Haus verließen (Eva seit 1991 nicht mehr allein), sei das bis zum Schluss so gewesen. »Wir haben uns so oft umarmt und geküsst am Tag, die Eva war auch so liebreizend, die hatte immer ein Kompliment für mich, sie roch auch so gut, und das ganz ohne Parfum«, erzählt Adele bei grünem Tee und Himbeertörtchen in einem kleinen Büro, an dessen Wänden schwarze Spitzenunterwäsche hängt. Diese Wärme und Fürsorge vermisse sie sehr. »Morgens nach dem Aufwachen taste ich immer noch nach ihr.« Sätze wie diesen sagt Adele viele.

Dennoch wirkt sie an diesem Tag auch befreit, in ihrem mädchenhaften Outfit mit dem weißen Tüllrock, dem der manchmal recht biedere Stil von Eva & Adele völlig abgeht. Sie könne nun endlich wieder schwimmen gehen, erzählt sie. Nach so vielen Jahrzehnten, in denen Eva einen Schwimmbadbesuch kategorisch ausgeschlossen hatte (viel zu aufwendig, viel zu große Gefahr, aus der Performance zu fallen), hat Adele in ihrem Sommerurlaub nun drei Wochen lang jeden Tag in der Ostsee gebadet. Das Meer nimmt einem viel ab.

Darauf angesprochen, ob sie es genieße, auch in der Offentlichkeit nun wieder sie selbst sein zu können, reagiert sie abwehrend. Nur weil ein Lebensmodell von außen wie ein Gefängnis aussieht, muss es sich von innen nicht wie ein Gefängnis anfühlen. »Ich war immer ich selbst, auch wenn man das vielleicht nicht so sehen konnte. Hätte ich mich verstellen müssen, hätte ich die Performance nicht so lange durchhalten können.«

Marina Abramović und Ulay, Jeanne-Claude und Christo, Gilbert und George. Künstlerpaare gab es in der Kunstgeschichte einige, und sie alle haben die Kunst auf ihre Weise zu ihrem Leben gemacht und Werke aus dem Miteinander geschöpft. Aber keines dieser Paare tat dies auf so radikale Art wie Eva und Adele, deren Bekenntnis zu Eva & Adele, also dazu, ein lebendiges Kunstwerk zu sein, ja nichts weniger bedeutete als das totale Verschwinden ihrer selbst hinter ihrer künstlerischen Idee. Zumindest in der Öffentlichkeit, die in ihrem Fall auch ihre Familien und Freunde einschloss. Warum macht jemand so etwas?

Diese Frage führt zurück zu ihrer allerersten Nacht. Denn nach dem Tanzen führte Eva Adele zu ihrem Campervan, öffnete die Heckklappe und zog eine Holzkiste hervor, in der rund siebzig Polaroids lagen: Eva mit roter, schwarzer oder brauner Perücke, aufwendig geschminkt und exzentrisch gekleidet. So viele verschiedene Frauen, alle mit Evas Gesicht. Das alles bin ich, habe Eva daraufhin zu Adele gesagt, fest davon überzeugt, dass diese nun die Flucht ergreifen würde, so wie die anderen Frauen vor ihr.

Adele aber blieb. Sie blieb in dieser Nacht, und sie blieb auch am nächsten Morgen, als Eva ihr sagte, dass sie am liebsten immer in Frauenkleidern leben würde, jeden Tag. »Mach es! Mach es endlich!«, habe Adele da gesagt. Weil sie dieses Gefühl kannte.

Adele wollte nie ihr Geschlecht ändern, aber: »Ich wollte auch nie nur Frau sein«, sagt sie. Schon als Kind im Saarland – man hört ihr diese Herkunft an einem leichten französischen Singsang beim Sprechen an – habe sie mit kurzen Haaren und burschikoser Kleidung experimentiert, später als Studentin auf Flohmärkten in Berlin oder Paris nach alten Herrenjacketts und Cocktailjacken gestöbert. Immer auch motiviert von einem Satz, den ihre Grundschullehrerin ihr einst ins Zeugnis schrieb: Adele sollte sich mehr trauen, sie hat das Zeug dazu.

Eva, die auch ein paar Jahre älter gewesen sein dürfte, sei viel konservativer aufgewachsen. Als Kind habe man ihr die Spielereien erlaubt, erzählt Adele und zeigt auf ein Bild von Eva als kleinem Jungen in Mädchenkleidern. Doch je älter Eva wurde, desto häufiger fiel der Satz: Mit dem Jungen stimmt was nicht. »Und die Eva war ja so goldig, die wollte niemanden enttäuschen, also hat sie sich verstellt. Aber die Transsexualität kriegst du ja nicht weg.«

Dass die beiden sich im Sommer 1988 in Italien begegneten, ist für Adele bis heute ein Schicksalsmoment. Und die von den beiden Künstlerinnen in den Folgejahren entwickelte Idee, sich als Eva & Adele selbst zur Kunst zu erklären, deshalb auch keine Selbstinhaftierung, sondern im Gegenteil ein Befreiungsschlag. Erst die Performance erlaubte den Menschen Eva und Adele Anfang der Neunzigerjahre eine Freiheit, die ihnen sonst wohl nicht gestattet worden wäre. Das Gefängnis, das war das Außen. Das Innen ihrer Kunst und ihres Lebens aber, das sie dank ihrer Performance permanent nach draußen tragen konnten, war ihr selbsterschaffenes Paradies in Pink. Nur als »Eva & Adele« konnten sie Eva und Adele sein.

Dafür haben sie auf vieles verzichtet: auf Kinder, auch weil sie all ihre Liebe für ihr Werk gebraucht hätten, wie Adele sagt. Auf enge Freundschaften, ihre Familien. Als Adele damals ihrer Mutter von der Idee zu Eva & Adele erzählte, habe diese gesagt: »Adele, du warst schon immer ein schlimmes Mädchen, und jetzt bist du verrückt geworden!« Und: »Wenn ihr doch wenigstens Haare hättet!« Adele muss lachen, als sie das schildert.

Ihre Mutter habe es nur gut gemeint, aber letztlich musste Adele sie doch vor die Wahl stellen: Unterstützt sie die Entscheidung ihrer Tochter für ein Leben als Kunstwerk, oder wird sie zurückgelassen? Ihre Mutter entschied sich fürs Unterstützen.

Die beiden haben auch viel riskiert: Allein durch das eigene Auftreten immer im Mittelpunkt zu stehen, kann auch gefährlich sein. Wer sich permanent im Scheinwerferlicht sonnt, drängt andere womöglich in den Schatten. Natürlich ge el auch nicht allen, was sie von ihnen zu sehen bekamen. Nicht allen Kunstkritikern, von denen manche sie zu Maskottchen des Kunstbetriebs degradierten. Und erst recht nicht allen anderen. Es gab viele heikle Momente, in der U-Bahn, auf der Straße, sie wurden mit Steinen beworfen, beleidigt, bespuckt. Auf einer Ausstellung 1999 in Weimar gab es eine Konfrontation mit jungen Rechtsradikalen, einer von ihnen rief: Glatzen gegen Glatzen! Umso wichtiger war gute Planung und Disziplin: dass ihre Wohnung in einem sicheren Viertel und nachts gut angebunden war. Dass sie nicht, wie sonst in der Berliner Kunstwelt nach Galerieeröffnungen üblich, bis tief in die Nacht in der »Paris Bar« saßen oder zu viel Alkohol tranken – damit sie sich auf dem Nachhauseweg keiner unnötigen Gefahr aussetzen würden.

Adele spricht nicht gern über diese Seite ihrer Kunst, das merkt man sofort. Auch weil sie und Eva schon vor vielen Jahren beschlossen haben, keine Opfer sein zu wollen. »Es gab auch schon damals dieses Angebot der Gesellschaft, das Leiden an unserem Lebensentwurf herauszustellen. Wir hätten in Interviews permanent von Ausgrenzung, Ablehnung und Angriffen berichten können, aber das wollten wir nicht.« Sie wollten mit Eva & Adele eine Erfolgsgeschichte erzählen, auch wenn das bedeutete, die Angriffe wegzulächeln, statt sich zu wehren.

Bis heute besteht ihre eigentliche Errungenschaft darin, eine Revolte angezettelt zu haben, die auf den ersten Blick überhaupt nicht wie eine aussah, weil sie in Pink und Rosa, mit Pumps und Perlenketten daherkam, freundlich und harmlos. Dabei forderten Eva und Adele mit ihrer Kunst nichts weniger als den radikalen Umsturz traditioneller Beziehungs- und Geschlechterbilder.

Deshalb erzählt Adele lieber von dem, was sie erreicht haben, von den vielen Ausstellungen und Auszeichnungen und all den Menschen, die ihnen in heiklen Momenten halfen. Von den drei türkischen Jungs, die sich schützend vor ihnen aufbauten, als ein Betrunkener sie in der U-Bahn attackieren wollte. Oder von Kindern, die sie vor 20, 30 Jahren vielleicht mit Steinen beworfen hätten, sie heutzutage aber höchstens noch verfolgten, um ein Foto mit ihnen zu ergattern. Selbst die Rechtsradikalen in Weimar hätten am Ende um ein Foto gebeten. »Wir mussten sehr achtsam sein und haben mit der Zeit feine Antennen entwickelt für die unbekannte Masse Mensch, mit der wir uns da permanent konfrontiert sahen.«

Das klingt anstrengend, und das scheint es auch gewesen zu sein. »Als Mensch hätte ich es nicht gekonnt«, hat Eva mal auf die Frage geantwortet, woher sie die Kraft genommen habe, die Performance über so einen langen Zeitraum durchzuziehen. Denn selbst zu Hause, ohne Make-up und Kostüme, nahm die Performance viel Raum ein, durch die vielen Stunden, die sie bei ihren Schneiderinnen verbrachten, um die selbst entworfenen Kleider, Kostüme, Mäntel und Jacken anzuprobieren – Eva habe aufgrund ihres Körperbaus schließlich immer eine besonders gute Modulation gebraucht, erzählt Adele. Aber auch in Form von Vor- und Nachgesprächen. Adele nennt es ihre Analyse. Die hätten sie täglich gemacht, weil man nicht da rausgehen und eine Einheit sein könne, wenn man sich nicht einig sei. »Wir waren sehr sportlich, was das angeht«, sagt Adele. Manchmal hätten sie sich bis aufs Messer gestritten, »aber ein paar Minuten später haben wir uns kaputtgelacht«.

Gestorben ist Eva zu Hause. Nach einer Operation an der Lendenwirbelsäule kam sie nicht wieder zu Kräften. Adele habe sie daraufhin nach Hause geholt, ein Krankenbett für Eva beschafft und es in die Wohnküche unters Fenster gestellt, mit Blick auf ihre letzten gemeinsamen Malereien. Mehrmals am Tag sei der Pflegedienst gekommen.

»Ich habe bis zum Schluss gekämpft und geglaubt, dass sie sich noch mal berappeln wird. Aber irgendwann hat Eva gesagt: Adele, ich habe keine Kraft mehr, ich glaube, mein Lebenslicht erlischt bald.« Adele schaut nach oben und versucht, ihre Tränen wegzublinzeln, aber es sind zu viele. »Eines Tages hat sie sich dann von mir verabschiedet.« Ganz fest habe sie sie in den Arm genommen und gesagt: »Bitte bleib immer heiter und fröhlich.« Kurze Zeit später stellte die Palliativmedizinerin die Nahrungsversorgung ein. Acht Tage dauerte dieser Zustand, den Adele mit Vorlesen versuchte zu füllen, ein intensives Abschiednehmen, dann war Eva tot. »Ich glaube, sie ist voller Glück und Liebe eingeschlafen«, sagt Adele noch, dann steht sie auf und holt sich ein Taschentuch.

Innerhalb eines halben Jahres verlor Adele ihre Mutter, ihren Bruder und Eva. Die drei wichtigsten Menschen in ihrem Leben. Aber sie will der Trauer keine Macht über sich geben. Sie sagt: Jedes Mal, wenn die Traurigkeit sie zu überrumpeln suche, denke sie an Evas Worte und versuche, heiter und fröhlich zu bleiben.

Gerade bereitet sie zwei Ausstellungen vor, eine im Museum der Moderne in Salzburg (ab 2. Oktober 2026) und eine im Saarlandmuseum in Saarbrücken, die im Januar 2027 eröffnet wird. Mit all den Werken, die nun stellvertretend für Eva & Adele stehen, mit Malereien und Fotos, Skulpturen und Kostümen. Außerdem lässt sie ihre Wohnung umbauen, mit einer Tür in den anderen Hausflur, damit sie nachts mit dem Aufzug in den dritten Stock fahren kann und keine Treppen mehr steigen muss, wenn sie dazu irgendwann nicht mehr in der Lage sein sollte. In dem Zuge kommt auch das große Bett weg, in dem sie zusammen mit Eva geschlafen hat. Ein kleines reiche ihr.

Wird sie in Zukunft wieder Kunst unter ihrem eigenen Namen machen? Nur als Adele? »Ausgeschlossen«, sagt sie. Das hätten Eva und sie vor langer Zeit in ihrem Manifest und später auch in einem gemeinsamen Testament festgehalten: dass diejenige, die länger lebt, im Sinne von Eva & Adele weiterarbeitet und unter diesem Namen signiert. Auch über den Tod hinaus bleiben sie einander treu.

Am 15. Oktober wurde auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ein Grabstein aus rosafarbenem Granit installiert, darauf ihr Logo: zwei kahlgeschorene Frauen, die lachend ihre Köpfe zusammenstecken, ihre Silhouette umrandet von einem Herzen. Darunter ihre Namen, auch der von Adele steht schon drauf.